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antifNACHRICHTEN Titelseite
Nummer 1 / Januar 2002



13. Oktober - nicht nur in Stuttgart:

Aufstehen! Für Frieden! - Kein Krieg!

von Elke Günther

Rund 30 000 Menschen demonstrierten am 13. Oktober in Stuttgart gegen den Bombenkrieg der USA und Großbritanniens in Afghanistan. Am gleichen Tag fand in Berlin eine Großkundgebung statt, zu der rund 50 000 DemonstrantInnen gekommen waren. Aber nicht nur dort: Am 13. Oktober forderten in 110 Städten rund um den Globus viele Tausend Menschen ein Ende dieses Krieges.

Von weit außerhalb der Grenzen Baden-Württembergs kamen die Menschen nach Stuttgart: aus Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und selbst aus dem fernen NRW kamen die Menschen zur Aktion der Südwestdeutschen Friedensbewegung nach Stuttgart. Die Aktion wurde unter dem Dach des baden-württembergischen Friedensnetzes organisiert - unterstützt und getragen von von einer Vielzahl von Organisationen und Gruppen aus der Friedensbewegung, der Gewerkschaftsbewegung, der alten Solidaritätsbewegung mit der Dritten Welt und der neuen Bewegung der Globalisierungsgegner. Sie wurde mitgetragen von großen Organisationen wie dem Landesbezirk der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und Gliederungen der IG Metall ebenso wie von kleinen örtlichen Friedensgruppen aus vielen Regionen Süd- und Westdeutschlands. Während neben der Demoroute die Grüne Partei ihren Landesparteitag abhielt, zogen die Grüne Jugend aber auch einige wenige Kreisverbände und viele Einzelmitglieder dieser Partei am Tagungslokal vorbei zur Friedenskundgebung. Auch der DGB hatte - unter einem eigenen Aufruf - zur Demonstration aufgerufen.
"Aufstehen! Für Frieden. Solidarität, Gerechtigkeit, kein Krieg!", so das Motto, wollten an diesem Tag weit mehr Menschen als von den OrganisatorInnen jemals erwartet worden waren.

Krieg darf um Gottes willen nicht sein
Am Morgen hatte bereits eine Mahnwache vor der Kommandoeinsatzzentrale der US-Armee für Europa, Afrika und dem Nahen Osten, dem EUCOM in Stuttgart-Vaihingen, mit rund 300 TeilnehmerInnen stattgefunden. Am Mittag begrüßte Dieter Lachenmayer im Namen des bundesweiten Friedenratschlages, des Friedensnetzes und der Stuttgarter Friedensinitiativen Tausende, die sich in der engen Lautenschlagerstraße am Bahnhof drängten.
Als erster Redner bei der Auftaktkundgebung sprach Martin Klumpp, Prälat in Stuttgart. "Krieg darf um Gottes willen nicht sein", rief er den sich in der Stuttgarter Lautenschlagerstraße vor der LKW-Bühne drängenden Menschenmassen zu. Krieg könne kein Mittel sein, um Terror zu überwinden. Damit bringe man Terror nur noch mehr Menschenopfer. Von manchen Bekannten aber auch von Journalisten sei er gefragt worden, wie er dazu komme, jetzt hier zu reden. "Dazu sage ich: Ich bin nicht den jeweiligen Tages-mehrheitsmeinungen verpflichtet, sondern meinem Gewissen vor Gott." Ihm sei es auch persönlich wichtig, daß diejenigen, die die gegen Krieg votieren, ein Recht haben, das auch zu sagen in aller Offenheit und Friedlichkeit. "Krieg darf um Gottes willen nicht sein. Das muß man zeigen und auch sagen dürfen; auch jetzt in dieser Situation. Wir wollen uns mit dieser Überzeugung nicht in eine extreme Ecke stellen lassen". Prälat Klumpp bekam viel Beifall für seine mutigen Worte. "Wir stehen hier, um zu bekennen: Ja, wir sind gegen menschenverachtenden Terror! Wir sind aber auch gegen Krieg! Terror kann nicht mit Krieg besiegt werden" rief der 86-jährige Antifaschist Peter Gingold in die Menge. Terror entwickele sich im Milieu des Elends und könne nur langfristig durch Bekämpfung von Armut, sozialer Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung überewunden werden. Er rief dazu auf, gemeinsam zu handeln für eine Welt des Friedens, der Verständigung und der internationalen Soldiarität und Zusammenarbeit. Peter Gingold, der in der französischen Resistance gegen die Nazis gekämpft hat und heute einer der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) ist, erhielt großen Applaus für seine sehr bewegende Rede.
Es war ein mächtiger bunter Zug, geradezu ein Meer von Fahnen, Schildern und Transparenten, der sich durch die Stuttgarter Innenstadt zum Marktplatz bewegte.

Das Völkerrrecht wahren!
Dort kam als erster Redner Jürgen Grässlin, Bundessprecher der DFG/VK zu Wort. "Gewalt ist nicht mit Gegengewalt wegzubomben" erklärte er und forderte: "Demokratie, die ihrem Namen gerecht werden will, muß demokratische Mittel einsetzen und das Völkerrecht wahren. Bombenterror ist das Mittel bin Ladens und seines Terrornetzes. Mit jeder US-Bombe, die auf afghanische Städte und Dörfer abgeworfen wird, sterben unschuldige Zivilisten, wird neuer Hass geschürt." Harsche Kritik übte Jürgen Grässlin an Bündnis 90/Die Grünen. Längst sei die Partei zum "Mehrheitsbeschaffer" der Schröderschen Militärpolitik verkommen. "Seitdem sie Regierungspartei sind, hat die Führungsspitze der Partei das Prinzip der Gewaltfreiheit pervertiert - und die Grünen überflüssig gemacht." Gewalt sei nicht mit Gegengewalt zu bekämpfen, "Terorristen nicht mit Bomben zu besiegen" stellte Jürgen Grässlin fest. Er forderte, Osama Bin Laden vor ein internationales Gericht zu stellen und - im Falle seiner Schuld - zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Rache und Vergeltung seien "einer zivilisierten Welt unwürdig". Als "unredlich" und "makaber" bezeichnete er den Abwurf von 37.500 US-CARE-Paketen bei gleichzeitigem Flächenbombardement. Wer Terror aus der Welt schaffen wolle, müsse eine gerechte Weltwirtschaftsordnung verwirklichen.

Den Frieden gewinnen!
Für Sybille Stamm, Ver.di-Bezirksleiterin, "droht dieser Krieg einen Flächenbrand des Hasses zu entfesseln". Tausendfacher Hungertod sei angesichts des nahenden Winters zu befürchten. Laut UNICEF seien 1,5 Millonen der unter fünfjährigen Kinder vom Hungertod bedroht. Für die Gewerkschaften gelte es jetzt, die Sprache wieder zu finden. "Ver.di sieht sich in der Tradition der Gewerkschaften als Friedensbewegung. Deshalb sagen wir: Krieg ist kein geeignetes Mittel der Politik!" Der Protest gegen den Krieg wachse auch in den gewerkschaftlichen Gliederungen, weil die Überzeugung wachse, dass damit der Terror nicht sinnvoll bekämpft werden könne. Es mache ihr Hoffnung, dass insbesondere die Jugend in diesen Tagen weltweit auf die Straße gehe und gegen Krieg und Terrorismus protestiert. Zustimmend zitierte Sybille Stamm den Präsidenten des Europarats Lord Russel-Johnston, der gesagt hatte: "Wenn wir angesichts der terroristischen Bedrohung unsere Humanität aufgeben, haben die Terroristen ihren Kampf schon gewonnen. Es geht aber darum, den Frieden zu gewinnen!" Mit der eindringlichen Aufforderung: "Tun wir alles, um den Frieden zu gewinnen!" beendete sie ihre Rede.

Krieg ist Terror!
"Ich bin ehemaliger Angehöriger einer größten und brutalsten Terror-Organiationen der Welt - der US-Armee" stellte sich ein Vertreter der Organisation "Vietnamkriegsveteranen gegen den Krieg" vor. Er war spontan auf die Bühne gekommen, um einen Redebeitrag zu halten. Damals, 1969 sei er 18-jährig als Freiwilliger zur Armee gekommen, um gegen die "Kommunistische terroristische Aggression" zu kämpfen, berichtet er. Alles habe er geglaubt, was ihm Regierung und Lehrer über die Mission der USA erzählt hätten. Doch die Wahrheit, die er in diesem Jahr in Vietnam erfahren habe, sei diese: "Die einzigen Terroristen waren wir!" Die US-Regierung wolle glauben machen, daß der Tod der am 11. September im World-Trade-Center ermordeten Amerikaner bedeutsamer sei als der von Millionen, die ihr Leben im Ergebnis der US-Politik der vergangenen 50 Jahre verloren haben. Vietnamveteranen wie er hätten aber gelernt, daß das Leben der US-Amerikaner nicht mehr und auch nicht weniger wert sei als das aller anderen Menschen. "Wir Vietnamveteranen wissen aus Erfahrung, daß diejenigen, die von den USA bombardiert werden, dieselben Wünsche und Träume haben wie die Menschen in den USA: Ein gutes Leben für sich und ihre Familien in Frieden mit allen Menschen." Er und andere Veteranen litten darunter, "das Mitleid und die Sympathie für die Opfer des 11. September zu sehen und dabei zugleich die Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern der USA" zu erfahren.

Obszöne Rüstungskosten
Ungewöhnlich für eine Aktion der Friedensbewegung, der nächste Redner: Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr, der hier als Privatmann sprach. Ungewöhnlich für einen aktiven Militär auch seine Rede: "Jeden Tag, an dem die silbernen Türme des World Trade Centers im Licht der aufgehenden Sonne erstrahlten, starben vierzigtausend Kinder an den Folgen von Elend, Hunger, Krankheit und Krieg. Vierzigtausend - das sind fast zehnmal soviel Opfer, wie nach dem Attentat von New York zu beklagen sind. Hat man jemals davon gehört, daß die Börse an der Wall Street ihren Handel mit einer Gedenkminute an diese still und leise vor sich hinsterbenden Kinder in der Dritten Welt eröffnet hätte?" Nicht Krieg könne Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit. Als "obszön" bezeichnete er deshalb die Rüstungsausgaben der USA in Höhe von 700 Milliarden DM. Denn mit nur einem Bruchteil dieses Betrages könnten die Ursachen und nicht nur die Symptome des Terrorismus bekämpft werden. 80 Milliarden hätte der amerikanische Kongreß für die Terroristenhatz zur Verfügung gesellt. "Man stelle sich die Entrüstung derselben Abgeordneten vor, hätte man von ihnen verlangt, die gleiche Summe für Entwicklungshilfe bereizustellen." Er selbst habe das Elend in afghanische Flüchtlingslager im Iran und Pakistan gesehen. "Zumindest ein Gedanke resultiert aus jenen Bildern, nämlich dass dies die Höllen sind, aus denen jene zornigen jungen Männer geboren werden, die nur ein Wunsch beseelt: Ihre Hölle in unsere Hölle zu verwandeln." Jürgen Rose, Anfangs von einigen Friedensdemonstranten mit Skepsis betrachtet, bekam starken Beifall für seine engagierten Ausführungen.

"Krieg ist uncool"
"Nein zum Krieg" rappte der Afghanistan geborene Freiburger Musiker Malik. Und nicht nur die vielen Jugendlichen bewegten sich begeistert im abgehackten Rythmus seiner Musik. Eine beeindruckende und Mut machende Aktion ging damit zu Ende. Mut und Ausdauer werden die Friedensaktivistinnen in den nächsten Wochen und wohl auch Monaten brauchen, wenn die so hoffnungsfroh stimmenden großen Friedensmanifestationen mehr als nur ein Strohfeuer sein sollen. Denn die Aktionen am 13. Oktober haben vor allem zweierlei gezeigt: Erstens: Wir sind viele. Zweitens: Wir müssen noch viel mehr werden, wenn wir Erfolg haben wollen. Dazu braucht die Friedensbewegung sehr viel Kraft und langen Atem.

Aus der Rede von Peter Gingold:
Wer mit Krieg auf Terror antwortet treibt die Menschheit in die Katastrophe

"... Krieg kann nicht mit Krieg besiegt werden. Krieg selbst ist Terror gegen Millionen Menschen. ...Ich habe den brutalen, von Hitler entfesselten 2. Weltkrieg und die Barbarei des Faschismus durchlitten und durchkämpft. Nie mehr sollte die Menschheit von der Furie des Krieges bedroht werden. Das war unser Schwur 1945. Das war ist meine unverschütterliche Lebensauffassung. ... Ich frage: Wer gibt dem amerikanischen Präsidenten das Recht, eine Gewaltspirale in Gang zu setzen und den Tod - als das letzte Opfer von seinen Soldaten zu fordern? Mit dem Tod der Soldaten und einem grausamen Krieg überwindet Bush den Terrorismus nicht. ... Vom Krieg zerstörte Regionen werden die ökologische Krise der Erde vervielfachen. Haß wird das Grundgefühl der Armen gegen die Reichen, der Hungernden gegen die Satten und sein, neuer Terror erlebt seine Geburtstunde. Wer mit Krieg auf Terror antwortet, treibt die Menschheit in die Katastrophe. Und dazu, liebe Freunde, soll es keine Alternative geben? Keine Alternative, wie Kanzler Schröder und sein Kabinett, wie der ganze deutsche Bundestag - mit Ausnahme der PDS-Fraktion - behauptet? ... Bundeskanzler Schröder erklärte im Bundestag es gehe um 'ein weiterentwickeltes Selbstverständnis deutscher Außenpolitk'. Gemeint ist die volle militärische Beteiligung an Angriffskriegen im Weltmaßstab. Ich frage Euch, lieb Freunde, wie kurz ist das historische Gedächtnis der Politiker der Bundesrepublik?
Deutschland hat im vergangenen Jahrhundert 2 Weltkreige entfesselt. Immer ging es um die Weltmachtrolle. Ökonomisch, politisch und militärisch. Nichts anderes hat Hitler gewollt. Wissen die Schröders und Fischers und Scharpings nicht mehr wie das endete? ...
Während Rudolf Scharping die Kriegsvorbereitung vorantreibt, zementiert Schily den Notstandsstaat. Die demokratischen Recht eund Freiheiten werden drastisch eingeschränkt. Auch unsere soziale und demokratische Zukunft wird durch Kriegspolitik zerstört. Dies alles dient nur den rechtesten Kräften. Die Gewinner werden bei uns und weltweit die Rüstungskonzerne und Waffenhändler sein. Wer Kriege inszeniert, Waffen verkauft und Hungersnöte in Kauf nimmt, wenn es den Börsenkursen dient, ist der wahre Schuldige am Elend dieser Welt.

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